Werk von Franz Baumgartner, Am Strand, 2017

Hama Lohrmann

Gratwanderung

Darstellungen von Bergen oder Gebirgslandschaften in der Kunst sind Legion, die geistesgeschichtlichen Abhandlungen zum Motiv des Berges nicht weniger zahlreich, und auch jüngere, zeitgenössische Publikationen zur Thematik des Bergsteigens türmen sich mittlerweile zum „Gebirge“. Offenkundig haben die Berge nichts von ihrer seit alters her bestehenden Faszination für den Menschen verloren; und die Beweggründe, sich in die Berge zu begeben, oder sich, wie Hama Lohrmann, in seinem künstlerischen Schaffen mit ihnen auseinanderzusetzen, nichts von ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die menschliche Existenz. Warum ist dies so? Roger Caillois, französischer Soziologe und Philosoph, gibt in seinem eingangs zitierten Text über Steine – das Grundelement der Berge – feinsinnige Antworten; Gedanken, die auch Wesentliches aussagen können über die Berg-Bilder Hama Lohrmanns. Wenn der Künstler, der Topographie des Hochgebirges folgend, eine gerade Linie nachbildet – mit anderen Worten: eine Ader freilegt, einen Weg, daran entlangzugehen, markiert –, oder wenn er ein Labyrinth legt, das formgewordene Innehalten auf dem Weg nach oben, die Besinnung auf die Langsamkeit und die Konzentration auf das Wesentliche –, dann arbeitet er mit Steinen. Und zwar mit denjenigen, die er vor Ort vorfindet, die schon immer da waren, und die keinerlei Wert haben, der sich in Geld veranschlagen ließe. Weshalb sich auch ein Künstler, so wie Roger Caillois ihn oben meint, für sie nicht interessieren würde: keinem vorformulierten Anspruch – an Größe etwa, Härte oder Gesteinsart, Maserung oder Marmorierung – genügen sie; sie sind gegenüber von Menschen festgelegten oder kalkulierten Kategorien der Verfügbarkeit schlicht indifferent. Für den Künstler Hama Lohrmann ist gerade diese Art der Nicht-Verfügbarkeit ihr höchster Wert: er leiht sich die Steine für seine Kunstwerke vom Berg aus, so wie sie sind; und er arbeitet mit ihnen, so wie er ist – physisch, psychisch, spirituell. Der Berg gibt jeweils genau soviel, wie er zur gegebenen Zeit am gegebenen Ort zu geben bereit ist – dem Menschen, welcher dies vorbehaltlos zu akzeptieren vermag, erwächst aus dieser seiner absoluten Anspruchslosigkeit eine ebenso absolute Freiheit.

Daß hier vom „Menschen“ die Rede ist, und nicht vom „Künstler“, geschieht ganz bewußt; besitzt doch die eben formulierte Erkenntnis allgemeine Gültigkeit; und wenn der „Mensch“, so wie Hama Lohrmann, nicht nur „Künstler“, sondern auch „Bergsteiger“ ist, ganz besonders. Wer sich der Natur in den Bergen einmal ausgesetzt hat, weiß, daß man am Berg allein ist – und doch nicht allein: der Berg kann zum Gegner werden, man gibt ihm deshalb Namen, die nicht von freundlicher Gesinnung zeugen, man beginnt, ihn mit menschlichen Attributen und Verhaltensweisen zu beschreiben: heimtückisch kann er sein, launisch im besten Falle, wankelmütig – wo ist der Pfad vom vergangenen Jahr? Er kann den Menschen besiegen, möglicherweise sogar töten – eine „menschliche“ Eigenschaft jedoch hat er sich nicht zu eigen gemacht: er ist nicht nachtragend! Wenn er der Sieger war, so genügt ihm dies hier und jetzt – der Besiegte wird nicht dauerhaft niedergedrückt, sein Bemühen um den Anstieg wird – man erinnere sich an Roger Caillois’ Steine! – für den Moment wohl abgeschmettert und in Stücke „zerbrochen“ – nicht aber wird der Mensch „gebrochen“; er darf als ganzer bestehen bleiben, und wiederkommen zum Berg. Wird er sich ihm dann unterordnen, eins werden mit ihm, wird er frei – so wie Hama Lohrmann in seiner Kunst.

Ein weiterer grundlegender Aspekt im komplexen Verhältnis „Mensch – Berg“, auch von Bedeutung für Hama Lohrmanns Berg-Bilder, bedarf hier noch der Erwähnung.

Jacek Wozniakowski referiert in der Einleitung seiner im Jahr 1987 in deutscher Übersetzung veröffentlichten Darstellung „Deutungsgeschichte des Berges in der europäischen Neuzeit“ (das polnische Original war 1974 erschienen) folgende Einsicht:

„In Europa sind die Berge fast der letzte Schlupfwinkel einer von Ausbeutung freien, einer wilden Natur. Sie widerstehen dem Gebrauch bis zur völligen Vernichtung. Die Berge werden zum Prüfstand unserer Kultur, ihres Zustandes und ihrer Ziele.“ Inwiefern es überhaupt der Wahrheit entspricht, daß die Berge Schlupfwinkel einer ausbeutungsfreien Natur seien, mag dahingestellt bleiben; wesentlich ist hier ein anderer Gesichtspunkt: der zitierte Satz Wozniakowski’s ist überaus ambivalent! Ob es an der Übersetzung liegt, die bewußte oder latente Intention des Autors widerspiegelt – in jedem Falle ist der Satz zweideutig: er kann, je nach Betonung, einerseits nahelegen, daß die Berge – im Gegensatz zur übrigen Natur – sich gerade nicht so lange gebrauchen ließen, bis sie völlig vernichtet sind; andererseits jedoch auch, daß sie – bis zum bitteren Ende – niemals aufgäben zu widerstehen, und sei es um den Preis ihrer völligen Vernichtung!

Blickt man – um mit Wozniakowski in Europa zu bleiben – in die Alpen, wird man wohl der zweiteren Auffassung zuneigen; zeigen sich doch die Wunden, welche die Nutzung – oder der Mißbrauch – vieler alpiner Regionen hauptsächlich durch den Massentourismus der Natur zugefügt hat, allerorten. Es ergreift den mitfühlenden Betrachter ein Eindruck, als seien die Berge durch die Tritte zu vieler Füße abgetragen, durch die Berührung zu vieler Hände abgegriffen, durch die Blicke zu vieler Augen und unzähliger Kamera-Objektive verbraucht und erschöpft – wahrscheinlich würden sie sich am liebsten unsichtbar machen, damit sie nur noch in unserer Erinnerung existieren, so, wie sie früher einmal waren.

An dieser Stelle bedürfen die Berge eines Künstlers wie Hama Lohrmann. Durch die oben beschriebene Art und Weise seines künstlerischen Schaffens – seine vollkommene Unvoreingenommenheit gegenüber dem Berg, die vorbehaltlose Akzeptanz des jeweils Gegenwärtigen – kommt er der wahren, der eigentlichen Natur des Berg-Ortes, an welchem er sich just befindet, existentiell nahe; sich selbst bewußt-werdend, und uns, den Betrachtern wiederum, diese Erkenntnis bewußt-machend, daß alles Natur ist und Natur hat, der Berg ebenso wie der Künstler und wie wir. Georg Simmel, der sich verschiedentlich mit der „Philosophie der Landschaft“ im allgemeinen und den Alpen im besonderen auseinandergesetzt hat, formuliert an einer Stelle, es sei „die Natur in uns, die das Schicksal alles Natürlichen miterlebt“. Man könnte hinzufügen: wenn der Mensch es denn zuläßt! Hama Lohrmann läßt es zu. Er blendet das Zwiespältige und das Doppeldeutige der Berg-Natur, wie auch der Berg-Mensch-Beziehung, nicht aus in seiner Berg-Kunst; er arbeitet mit dem Element Stein, am Element Wasser, welches als reißender Gebirgsbach oder im Aggregatzustand des Gletscher-Eises den härtesten Stein schleift und zu feinstem Sand zermahlt; er arbeitet mit dem Element Feuer – es wärmt den Menschen und erhellt seine Dunkelheit, aber es verfügt auch über zerstörerische Kraft und die Gewalt, Berge als Ganzes um- und neu zu formen! Der Künstler verleiht seinem Feuer-Platz bewußt eine Aura der Schwebe zwischen Herd-Feuer und Vulkankegel – das gebändigte Feuer, und die gestaltgewordene Frage, ob es überhaupt je zu bändigen sei? – Die zweifache Natur eben hat es Hama Lohrmann angetan: des Berges elementare Wesenheit, Objekt zu sein und von Wasser, Wind, Erosion und Vulkanismus geformt zu werden, wie gleichermaßen, als quasi handelndes Subjekt, die ihn umgebenden Elemente und sich selbst unmittelbar zu transformieren. Eine zweifache Natur, die der reflektierende Mensch als seiner eigenen wesensverwandt zu erkennen vermag.

Vor allem anderen jedoch ist der Mensch und Künstler Hama Lohrmann bereit, diejenige Konsequenz zu tragen, die am nachhaltigsten aus seinem Schaffen wirkt: von der Freiheit war oben die Rede; aus der Freiheit aber entsteht Verantwortung!

Von der Freiheit spricht auch der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis in seinem Romanepos über Franz von Assisi: Hintergrund ist eine Auseinandersetzung zwischen Franziskus und einem Mitbruder, welcher mit den Worten „Mit der Zeit, in der er lebt, übereinzustimmen, ist die Pflicht des lebenden Menschen!“ Reglementierung und Anpassung von Franz einfordert. Der Dichter läßt den Heiligen antworten: „Sich der Zeit, in der er lebt, zu widersetzen, das ist die Pflicht des freien Menschen.“

Diese Freiheit – so leicht gesagt, so schwer getan –, und das Feingefühl für den ab und an komplizierten Umgang mit ihr, erkämpft sich der Mensch und Künstler Hama Lohrmann in den Bergen – eine Gratwanderung fürwahr.

Bild von Franz Baumgartner

Von Steinen spreche ich, die stets draußen genächtigt haben, oder in ihrem Lager und der Nacht der Adern ruhen. Sie interessieren weder den Archäologen, noch den Künstler, noch den Diamantenhändler. … Weder Grenzsteine noch Stelen, aber den Unbilden der Witterung ruhmlos und ohne Ehrerbietung ausgesetzt, zeugen sie nur von sich selbst. …. Ihr Ursprung liegt vor dem Menschen … Sie verewigen nur ihr eigenes Gedächtnis. … Der Mensch beneidet sie um ihre Dauerhaftigkeit, ihre Härte, ihren Starrsinn und Glanz, beneidet sie, weil sie glatt und undurchdringlich sind und als zerbrochne sogar noch ganz.
Roger Caillois

Bild von Franz Baumgartner

Literatur:
Böhme, Hartmut, Artikel „Berg“, in: Konersmann, Ralf (Hrsg.), Wörterbuch der philosophischen Metaphern, 2., unveränderte Auflage, Darmstadt 2008, S. 46 – 61

Caillois, Roger, Steine, aus dem Französischen übersetzt von Gerd Henniger, München / Wien 1983 (erstmals Paris 1966)

Wozniakowski, Jacek, Die Wildnis. Zur Deutungsgeschichte des Berges in der europäischen Neuzeit, Frankfurt am Main 1987

Artikel „Berg“, in: Zedler, Johann Heinrich, Großes Vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Band 3, Leipzig und Halle 1733, Spalten 1227 – 1235


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